Was Schleiermacher zum Übersetzen sagte

Schleiermacher

Die erste Seite der Abhandlung „Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens“, 1816, ausgestellt im Romantik-Museum Frankfurt am Main

„Entweder der Übersetzer lässt den Schriftsteller möglichst in Ruhe, und bewegt den Leser ihm entgegen; oder er lässt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen.”

Von wem war nochmal das Zitat?

Wer Übersetzen lernt, wie ich als Quereinsteigerin vor einigen Jahren, kommt an einer grundlegenden Debatte zur Übersetzungsmethodik nicht vorbei.

Kurz gefasst geht es darum: Soll der Zieltext die fremdsprachliche Eigenheit des Ausgangstextes beibehalten oder soll er so übersetzt werden, dass man von einer Übersetzung nichts mehr merkt, er also quasi muttersprachlich wirkt?

Einer der Gründe, dass es überhaupt die Debatte gibt, dürfte sein, dass der Urheber des Zitats, der Philosoph Friedrich Schleiermacher, selbst die erstere Übersetzungsmethode als die bessere ansah. Er fand es richtig, dem Leser oder der Leserin zuzumuten, den übersetzten Text als fremdsprachlich wahrzunehmen. Heute sehen diejenigen, die am Übersetzungsprozess beteiligt sind, das zumeist als wenig zielführend an.

Hier ist aber nicht die Stelle, Übersetzungstheorien zu erörtern.

Sondern über ein überraschendes Kennenlernen zu erzählen.

Ich hätte nie gedacht, dem Urheber der Debatte einmal „posthum” in die Augen schauen zu können.

Ausflug in die Romantik

Denn im Deutschen Romantik-Museum Frankfurt am Main liegt die Originalpublikation der besagten Rede ausgestellt.

Beeindruckend. Was eben graue Theorie war, bekam plötzlich, beim Besuch dieses Museums vor ein paar Tagen, ein Gesicht, einen Zusammenhang, ein Umfeld, eine Absicht.

Um Schleiermacher herum wirkten Künstler und Künstlerinnen, die berühmte Werke aus anderen Sprachen wie etwa die Shakespeare-Dramen erstmals ins Deutsche übertrugen.

Dabei machten sich die Übersetzer (und ihre mitarbeitenden Frauen oder Lebensgefährtinnen) erstmals Gedanken, was das Wesen einer literarischen Übersetzung ist und welche Stellung ein Übersetzer (oder eine Übersetzerin) in der Literatur hat.

Der Universalgelehrte Schleiermacher, der auch die Schriften Platons übersetzte, formulierte nun den besagten Grundkonflikt in seiner Rede vor der königlich-preußischen Akademie der Wissenschaften im Sommer 1813 zum ersten Mal.

Wer mehr als die erste Seite seiner Schrift lesen möchte, kann dies in einer anderen Ausgabe der „Abhandlungen der philosophischen Klasse der Königlich-Preussischen Akademie der Wissenschaften aus den Jahren 1812‒1813”, Realschul-Buchhandlung, Berlin, 1816 tun.

Viel schöner ist es jedoch, das alte Büchlein vis-à-vis zu betrachten.

So viel Wirkung aus einem alten Büchlein.

Jedem Neuling, der sich mit Übersetzen befasst, empfehle ich einen Besuch im Romantik-Museum, um sich mit den Vorvätern dieser Kunst in Deutschland einmal genauer bekannt zu machen.