Gegen Brillenbeschlagen

Beschlagene Brille

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Seltsam, im Nebel zu wandern! …

finden Brillenträger dieser Tage, wenn sie mit Mund-Nasenschutz draußen unterwegs sind.

Was hilft, ist Brille ab und Gläser abwischen. Dann ist der Nebel weg, aber schon beim nächsten Ausatmen ist er wieder da. Mir steht dann jedes Mal Hermann Hesses Gedicht über seine Empfindungen in nebliger Landschaft vor Augen.

Das Brillenbeschlagen kennt man natürlich von früher. Wenn man in ein Hallenbad ging oder ins Tropenhaus im Zoo, dann musste man einfach eine halbe Minute warten, bis die Brillengläser die warmen Temperaturen des feuchten Gebäudeinneren angenommen hatten. Dann waren sie wieder frei.

Aber jetzt? Die Temperaturen sind kalt, der Atem feucht und warm, die Maske schließt nicht dicht unter den Augen: Die Brillengläser nebeln zu.

Wie kann man das vermeiden oder zumindest reduzieren?

Zum Beispiel Maske so eng an die Nase klemmen, dass nichts mehr dran vorbei geht. Habe ich probiert, aber mit mäßigem Erfolg.

Die professionelle Methode sind Antibeschlag-Gele oder -Sprays. Vom Schwimmen habe ich ein solches Gel mit Namen „NoFog Gel Strong 10“ von der italienischen Firma Centrostyle. Hat mir mein Optiker gegeben. Vorm Schwimmen einen Tropfen auf beide Gläser der Schwimmbrille, dann mit einem Mikrofasertuch drüberwischen. Nicht immer, aber meistens blieb dann die Durchsicht über die gewünschte halbe Stunde Schwimmzeit gut.

Das funktioniert auch mit der normalen Brille. Zwei Tropfen Gel auf jedes Glas, mit einem sauberen Mikrofasertuch gut verteilen, und den nächsten Einkauf lang lässt es sich durchgängig klar sehen.

(Wenn man von der jetzt auftretenden Schlierenbildung absieht.)

Was ist in dem Gel drin?

Die Inhaltsstoffe meines Gels sind perfluoriertes Propanol, perfluorierter Alkylether sowie Perfluorpolyether, ein Schmiermittel.

Eine kurze Internetrecherche ergibt ähnliche Komponenten in anderen Antibeschlagmitteln. Carl Zeiss führt ein Antibeschlagspray mit nahezu den gleichen perfluorierten Inhaltsstoffen plus Zerstäubermittel, Walter Schmidt Chemie hat eins auf der Basis von kurzkettigen Alkoholen und Ethern, die aber nicht fluoriert sind.

Die kurzkettigen Alkohole und Ether wirken als Netzmittel. Sie entspannen die winzigen Tröpfchen des kondensierten Atemwassers. Dadurch geht die Trübung weg.

Warum beschlagen die Gläser überhaupt?

Die oberste Schicht der meisten Brillengläser ist schmutzabweisend und antistatisch. Damit perlt Wasser gut ab. Das hilft aber nichts, wenn sehr viel warmer Wasserdampf auf das kalte Brillenglas kommt.

Der Wasserdampf aus dem Atem kondensiert unterhalb des Taupunkts – den Taupunkt kann man berechnen oder in Tabellen finden. Er ist die Temperatur der Oberfläche (des Brillenglases), bei der aus Luft mit einer bestimmten Luftfeuchte das Wasser kondensiert. Der Atem regnet gewissermaßen auf der Brille ab. Das passiert umso mehr, je feuchter die Luft ist und je höher der Temperaturunterschied zwischen Luft und Oberfläche ist.

Ist also die Brille kalt, der Atem warm und feucht, bildet sich auf der so sorgsam beschichteten, wasserabweisenden Oberfläche eine Mauer aus Tröpfchen.

Also mit Spüli geht es auch?

Ja. Im Internet sind Beschreibungen zu finden, wie man Spülmittel auf den Gläsern verwischt und dadurch den Durchblick behält (das Gleiche empfehlen auch Schwimmer für die Schwimmbrillen).

Mein Optiker war aber von der Vorstellung, Spülmittel direkt auf den Gläsern zu verteilen, nicht so begeistert. Die antistatische, wasserabweisende Beschichtung könnte sich ablösen, meinte er.

Außerdem hat Spülmittel den Nachteil, dass es Schlieren bildet und leicht abläuft, wenn es nass wird.

Warum fluorierte Inhaltsstoffe?

Im Vergleich zu nichtfluorierten Alkoholen und Ethern sind die fluorierten Versionen weniger flüchtig. Damit sollten sie länger auf der Oberfläche des Glases liegen bleiben.

Allgemein verbessert eine Fluorierung die Qualität von Kunststoffoberflächen. Fluorierte Oberflächen sind polarer und deshalb besser benetzbar. Mit dem Gel beschichte ich die Oberfläche.

Internetsuchen nach den Mitteln in meinem Antifog-Gel brachte also als Ergebnis, dass die fluorierten Alkohole und (Poly-)Ether die Oberfläche besser benetzbar machen.

Andererseits sind fluorierte Verbindungen langlebig und nicht abbaubar und gelten deshalb als umweltschädlich. In die Umwelt gelangt, überdauern sie dort und reichern sich an. Es hat mich ein bisschen überrascht, dass Antifog-Gele und -Sprays fluorierte Verbindungen enthalten.

Wahrscheinlich funktionieren sie besser als die nicht-fluorierte Version.

Und was hat das mit Hermann Hesse zu tun?

Ich finde, sein Gedicht passt sehr gut zum jetzigen Lockdown, den wir mit Maske und Brille erleben müssen:

Im Nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.