Seit wann ist Isopropanol ein Händedesinfektionsmittel?

Disinfectant

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Hände und Desinfektionsmittel

„Sie baden gerade ihre Hände darin“ – diesen Satz kennt jeder, der so alt ist wie ich, also so alt, dass er die Palmolive-Fernsehwerbung mit Tilly aus den frühen 1980er Jahren kennt. An diesen Satz und den „Häh-Moment“ muss ich jedes Mal denken, wenn ich jetzt meine Hände in Desinfektionsmittel bade – was mehrmals am Tag vorkommen kann, wenn man verschiedene Geschäfte besucht und sich und andere vor dem Coronavirus schützen will und soll.

Denn die meisten Desinfektionsmittel bestehen vor allem aus Isopropanol, und noch bis vor kurzer Zeit hätte ich mir Isopropanol nicht freiwillig auf die Hände gegeben. Für mich ist Isopropanol ein Reiniger und Lösungsmittel, mit dem Kolben ausgespült werden. Isopropanol ist in den USA auch “rubber alcohol”, zum Reinigen von elektronischen Geräten usw. Man sollte Handschuhe anziehen, denn geht etwas auf die Haut, fühlte es sich kalt an, und die Hände werden rau und trocknen aus.

Und jetzt also dieser Tilly-Widerspruch: Das, was man immer vermieden hat, nämlich Isopropanol auf die Haut geben, soll man gerade machen. Warum? Ich möchte diesen Widerspruch auflösen und suche Infomationen.

Was ist Isopropanol?

Da gibt es natürlich viel. Aber zunächst ist Isopropanol falsch. Der Name ist falsch. Laut nationaler und internationaler Richtlinien für Redakteure soll man korrekt so schreiben: isopropyl alcohol auf Englisch, Isopropylalkohol auf Deutsch. Oder 2-Propanol, oder ganz korrekt, Propan-2-ol. Dass wir immer weiter Isopropanol oder ganz lax „Iprop“ sagen, zeigt unsere hartnäckige Ignoranz gegenüber seinen Qualitäten.

Warum ich Isopropylalkohol (!) vor allem als Laborreiniger und Lösungsmittel in Erinnerung habe, verdanke ich natürlich dem Chemiestudium. So steht in der Auflage des Beyer-Walter, Lehrbuch der organischen Chemie, von 1981 zum Stichwort Isopropylalkohol: „Propanol und Isopropylalkohol werden vielfach als Lösungsmittel verwendet, letzteres wird dem Motorbenzin zum Schutz gegen Vergaservereisung zugesetzt; beide Alkohole wirken giftiger als Ethanol. Technisch dient Isopropylalkohol als Ausgangsstoff für Aceton.“ Das heißt Isopropylalkohol ist ein Lösungsmittel, es ist giftig und es ist ein Vorprodukt. Nichts von: „Desinfizieren Sie Ihre Hände damit!“

Alte Daten, neue Daten

Um ein moderneres Gefühl zu bekommen, schlage ich seine aktuellen Daten nach, zum Beispiel in PubChem, einer riesigen offenen Datenbank, die wiederum von vielen anderen Quellen gefüttert wird. Und siehe da: Unter der Beschreibung steht jetzt gleich im ersten Satz, dass Isopropylalkohol antibakteriell wirkt (NCI Thesaurus). Und es habe desinfizierende Eigenschaften (Human Metabolome Project), alle anderen Angaben wie Lösungsmittel und Vorprodukt kommen erst danach. Was fast 40 Jahre ausmachen können!

Gut, PubChem ist eine auf biologische Eigenschaften spezialisierte Datenbank, während der Beyer-Walter sich an Chemiestudenten richtete. Das könnte den Fokus etwas verschieben. Daher greife ich mir das „Lexikon der Medizin“ vom Ullstein-Verlag aus meinem Bücherschrank, es ist die 16. Auflage von 1998. Unter „Isopropanol“ stehen hier zwei Einsatzgebiete, als „Rubefazienz“ und als Lösungsmittel. Rubefazienzien werden an anderer Stelle erklärt, das sind Hautreizmittel, die ein Wärmegefühl hervorrufen und z.B. in der externen Rheumabehandlung verwendet werden. Desinfektionsmittel? Fehlanzeige, im Gegenteil, das Lexikon der Medizin listet Isopropanol als Hautreizmittel!

Die Antwort lautet: Sterillium

Seit wann ist also Isopropanol ein Händedesinfektionsmittel? Internetrecherche bringt tatsächlich eine recht frappierende Antwort: Seit 1965. In diesem Jahr haben sich der Hamburger Assistenzarzt und späterer Professor der Herzchirurgie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) Peter Kalmár und die Hamburger Bacillolfabrik Dr. Bode & Co gemeinsam ein Händedesinfektionsmittel entwickelt, das nicht nur schnell und sicher wirkt, sondern darüber hinaus auch noch gut hautverträglich ist: Sterillium (Quelle: BibliomedPflege.de, Bode-Chemie)

Sterillium, so wie es bei uns im Arzneimittelschrank und sicherlich noch in Millionen anderen Haushalten steht, enthält als Wirkstoffe Propan-2-ol (Isopropylalkohol), Propan-1-ol (Propanol oder n-Propanol) und Mecetroniumetilsulfat, ein quartäres Ammoniumsalz mit 16-gliedriger Alkankette. Weitere Bestandteile sind Tetradecan-1-ol (langkettiger Alkohol), Glycerin, Duftstoffe und Patentblau, ein Lebensmittelfarbstoff (E131).

Die Alkohole Isopropylalkohol und Propanol sowie das quartäre Ammoniumsalz wirken bakterizid, fungizid und begrenzt viruzid. „Begrenzt“ heißt, sie wirken gegen behüllte Viren, wozu auch der SARS-Cov-2-Virus gehört. Die langen Alkanketten des quartären Ammoniumsalzes und der langkettigen Alkohols sorgen für etwas Rückfettung für die Haut. Das Glycerin bewirkt, dass die Haut nicht so stark austrocknet. Isopropylalkohol ist leicht entzündlich und reizt die Augen.

Die beiden Propanole sind sehr billige technische Produkte. Sie stammen aus der Ölraffinerie und werden durch Hydratation (Wasseranlagerung) an Propylengas hergestellt.

Warum die Haut nicht austrocknet

Die Alkohole zerstören Bakterien, Pilze und behüllte Viren. Seit etwa Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Hygieneregeln für Ärzte streng wurden, desinfizieren sich Chirurgen vor den Eingriffen damit die Hände, durch Waschen und Bürsten und dann Einreiben mit hochprozentigem Alkohol. Allerdings trocknet der Alkohol die Haut stark aus – siehe meine Laborerinnerungen am Anfang des Artikels. Beim unentwegten Anwenden leidet die Haut so stark, dass sich Risse und Ekzeme bilden.

Das änderte sich mit Sterillium. Diese Rezeptur mit den technischen Alkoholen, den langen Alkylketten und dem Glycerin war das erste preisgünstige, leicht herzustellende und recht gut hautverträgliche Desinfektionsmittel für Hände und Haut. Sozusagen das Palmolive der Chirurgen.

Es muss nicht Isopropylalkohol sein, Ethanol geht genauso gut, und z.B. Sterillium med. enthält Ethanol. Die WHO sagt: Beide Alkohole wirken gut und sind billig. Sie gibt zwei Rezepturen zum Selbermachen von Händedesinfektionsmittel aus, entweder aus Ethanol, Wasserstoffperoxid, Glycerin und gereinigtem Wasser (Rezeptur 1) oder aus Isopropylalkohol mit den gleichen anderen Zutaten (Rezeptur 2). Das Wasserstoffperoxid wirkt als Konservierungsmittel, ist kein Wirkstoff.

Isopropanol in Desinfektionsmitteln

Dass der Beyer-Walter von 1981 Isopropylalkohol als Händedesinfektionsmittel noch nicht kennt, liegt wahrscheinlich daran, dass die Geschichte von Sterillium damals noch nicht so lange her war und noch keine technischen Mengen erreicht wurden, die den Lehrbüchern der organischen Chemie erwähnenswert schienen. Ich habe keinen aktuellen Beyer-Walter zur Hand, aber der Blick in die chemischen Datenbanken von heute lässt vermuten, dass die Anwendung von Isopropanol als Desinfektionsmittel für Hände, nicht nur als Reinigungsmittel für Laborgeräte, inzwischen auch in den modernen Lehrbüchern angekommen ist.

Und nun alles noch einmal in Kürze: Isopropanol

  • heißt korrekterweise Isopropylalkohol
  • stammt aus der Erdölraffinerie
  • ist ein billiger Alkohol und wirkt gut gegen Bakterien, Schimmel und behüllte Viren
  • ist entzündlich
  • reizt die Augen
  • war in der ersten Sterillium-Rezeptur, von 1965
  • ist in der zweiten WHO-Rezeptur für Do-it-yourself-Händedesinfektionsmittel
  • wird nur durch Zusatzstoffe wie Glycerin hautverträglich.

 

Zwei Nachträge:

Das Lexikon der Medizin listet unter dem Stichpunkt „Desinfektionsmittel“ auch Isopropanol mit auf. Und Sterillium ist zwar hautverträglich, aber hochgradig toxisch für aquatische Lebewesen. Das liegt aber wohl nicht am Isopropanol.