Statine und das Herzinfarktrisiko – neue Risikotabelle

Gegenüberstellung von Cholesterin und Statin

Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay, verändert

Statine senken den Cholesterinspiegel. Und das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Je höher der Cholesterinspiegel, desto höher das Risiko für Herzinfarkt oder eine andere Herz-Kreislauf-Erkrankung. Deshalb werden Statine zur Cholesterinsenkung verordnet.

Ab welchem Cholesterinspiegel Statine sinnvoll sind, richtet sich nach weiteren Risikofaktoren für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung.

Um das individuelle Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bestimmen, dafür gibt eine eine neue Anleitung. Mediziner der Universität Hamburg haben eine Tabelle erstellt, aus der das individuelle Risiko leicht abzulesen ist. Damit ist sie eine einfach zu verstehende Leitlinie, ob Statine eingenommen werden sollten.

Was mich erstaunt und erschreckt: Liest man die Tabelle und die Auswertung genau, implizieren die Forscher, dass alle Menschen, insbesondere Männer mit ihrem Mindestrisiko von 10 Prozent, am besten ihr ganzes Leben lang Statine nehmen sollten.

Wie wird das kardiovaskuläre Risiko bestimmt?

In das Gesamtrisiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung gehen Faktoren wie Geschlecht, Alter, Raucherstatus, Blutdruck, Diabetes mellitus und der LDL-Cholesterinspiegel ein.

Das LDL-Cholesterin ist das Cholesterin, das von Lipoproteinen geringer Dichte (low-density lipoproteins) im Blut transportiert wird. Dieses Cholesterin lagert sich in den Gefäßwänden ab, was Arteriosklerose und damit eine kardiovaskuläre Erkrankung begünstigt.

Das Gesamtrisiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung lässt sich in Scores erfassen, aber deren Berechnung ist kompliziert und erfordert die Bestimmung vieler Parameter, plus einer Beurteilung durch den Arzt. Meist richtet sich der Arzt aber einfach nach einer Tabelle mit den Cholesterinwerten und allgemeinen Empfehlungen.

Je weniger weitere Risikofaktoren außer dem Cholesterinspiegel vorliegen, desto höher darf der LDL-Wert sein. Meist ist aber bei 200 mg/dl (5,1 mmol/l) Schluss, dann werden auch bei gesunden Personen aus Nicht-Risikogruppen Statine verschrieben.

Um wieviel sinkt mit Statinen das Herzinfarktrisiko?

Antworten gibt eine neue Tabelle, die die Mediziner Fabian J. Brunner und Christoph Waldleyer vom Herz- & Gefäßzentrum der Universität Hamburg zusammen mit Partnern aus mehreren europäischen Universitätskliniken entwickelten und im Dezember 2019 im britischen Journal „The Lancet“ vorstellten.

Die Tabelle listet das individuelle Risiko als Zahlenwert auf. Gleichzeitig erfasst sie das Risiko, wenn die Person ihr LDL-Cholesterin durch die Einnahme von Statinen auf die Hälfte senkt.

Tabelle zur Berechnung des CVD-Gesamtrisikos
Methode zur Berechnung des kardiovaskulären Risikos (roter Ring) und des hypothetischen Risikos, wenn Cholesterinsenker den Nicht-HDL-Spiegel auf die Hälfte drücken (grüner Ring). 2.6 mmol/L = 101 mg/l; 3.7 mmol/L =144 mg/dl; 4.8 mml/L = 187 mg/dl; 5,7 mmol/L = 222 mg/dl.

Wie kommt die Tabelle zustande?

Für ihre Tabelle werteten Brunner und Waldleyer und ihre Kollegen Daten von insgesamt fast 400.000 Patienten und Patientinnen aus.

Die Daten wurden vom Multinational Cardivascular Risk Consortium zur Verfügung gestellt und stammen aus verschiedenen publizierten Groß-Studien aus 19 europäischen Ländern, Australien und Nordamerika, wie zum Beispiel der Framingham Heart Study.

Abgefragt wurden Gesundheit und chronische Erkrankungen zwischen 1970 und 2013.

Brunner und Waldleyer schlüsselten die Daten nach Geschlecht, Alter, Cholesterinspiegel und sonstigen Risikofaktoren wie Diabetes oder Rauchen auf.

Dann werteten sie die Daten auf das Auftreten von kardiovaskulären Ereignissen und die Einnahme von Cholesterinsenkern (Statinen) hin aus.

Aus der Tabelle kann nun jede Person zwischen 30 und 75 Jahren ihr individuelles Risiko ablesen, bis zum Alter von 75 Jahren ein kardiovaskuläres Ereignis zu erleiden.

Wie funktioniert die Tabelle?

Sie funktioniert so:

Es gibt vier Kategorien,

  • Geschlecht
  • Altersgruppe
  • Nicht-HDL-Cholesterinspiegel
  • Anzahl der sonstigen Risikofaktoren.

Der Nicht-HDL-Cholesterinspiegel entspricht in etwa dem LDL-Cholesterin. Berechnet wird er aus:

Gesamtcholesterin minus HDL-Cholesterin.

Das HDL-Cholesterin ist das Cholesterin, das an hochdichte Lipoproteine gekoppelt ist und sich nicht in die Gefäßwände einlagert.

Als sonstige Risikofaktoren gelten:

Rauchen, Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck.

Dann gibt es die folgenden Unterkategorien:

  • Geschlecht: w, m
  • Altersgruppe: 30-44, 45-59, 60-75 Jahre
  • Nicht-HDL-Cholesterin: <101, 101-144, 144-187, 187-222, >222 mg/dl
  • Anzahl der sonstigen Risikofaktoren: 0-1, 2 oder mehr.

Nun sucht sich jede Person die Kombination an Unterkategorien aus, die für sie zutrifft. Für jede Kombination hat die Tabelle eine Zahl, die das prozentuale Risiko angibt, bis zum Alter von 75 Jahren an einem Herz-Kreislauf-Leiden wie Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erkranken.

Eine weitere Zahl gibt hypothetisch das prozentuale Risiko an, bis 75 an einem Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken, wenn durch die Einnahme von Statinen das Nicht-HDL-Cholesterin auf die Hälfte gedrückt wird.

Die Tabelle, zwei Kreise mit Werten darin, ist einfach zu verstehen und leicht anzuwenden.

Im Beispiel sieht das so aus:

  • Geschlecht: Weiblich
  • Alter: 50 Jahre, also Altersgruppe 45 bis 59 Jahre
  • Nicht-Statin-Nicht-HDL-Cholesterinspiegel: etwa 215 mg/dl, also zweitoberste Cholesterin-Kategorie von 187-222 mg/ml
  • Keine zusätzlichen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, also die untere Kategorie 0-1.

Zufällig bin das ich. Gemäß der Tabelle liegt mein Risiko, bis 75 eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden, bei 10 Prozent.

Zum Vergleich: Wäre ich ein Mann, wären es 20 Prozent.

Hätte ich zwei zusätzliche Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, läge das Risiko bei 17 Prozent.

Und für den Fall, dass mein Nicht-HDL-Cholesterin inzwischen über 222 mg/dl beträgt, hätte ich bei 0-1 Risikofaktoren ein kardiovaskuläres Risiko von 13 Prozent.

Als Mann wären es 27 Prozent.

Und wie stark würde die Einnahme von Statinen das kardiovaskuläre Risiko vermindern?

Ergebnis: Von 10 auf 3 Prozent.

Als Mann von 20 auf 5 Prozent

Bei Nicht-HDL-Cholesterin über 222 mg/dl von 13 auf 5 Prozent.

Als Mann von 27 auf 5 Prozent.

Ärzte legen den Menschen dringend Vorsorge ans Herz, wenn ein Risiko für eine Erkrankung 10 Prozent beträgt. Entsprechend falle ich nach der Tabelle in die Statin-Empfehlungsgruppe.

Was zeigen die Ergebnisse der Studie noch?

Die Ergebnisse zeigen, dass der Nicht-HDL-Cholesterinspiegel mit kardiovaskulären Erkrankungen korreliert ist.

Diese Auswertung habe ich noch nirgends so deutlich als empirische Kurve in einem Diagramm gesehen.

Sie zeigen, dass kardiovaskuläre Risikofaktoren mit kardiovaskulären Erkrankungen korreliert sind.

Das ist nicht erstaunlich, denn dass Bluthochdruck, Diabetes und Rauchen Arteriosklerose begünstigt, ist schon lange bekannt. Allerdings sieht man das zusätzliche Risiko hier als Zahlen in der Tabelle.

Bei einer Kombination von mehreren Risikofaktoren das Risiko bei Frauen um 3 bis 6 Prozentpunkte, bei Männern um 7 bis 13 Prozentpunkte.

Daneben zeigen die Ergebnisse auch, dass das cholesterinbedingte Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen mit dem Alter abnimmt.

Das war auch schon vorher bekannt, wird aber hier mit Zahlen belegt: Bei Frauen sinkt das Risiko von unter 45 bis über 60 Jahren um die 1-4 Prozentpunkte, bei Männern um die 4-8 Prozentpunkte.

Und ganz lapidar zeigen die Ergebnisse, dass Männer ein viel höheres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen haben als Frauen.

Im Durchschnitt ist es doppelt so hoch.

Was zeigen die Ergebnisse nicht?

Die Ergebnisse zeigen nicht, wie sich der Lebensstil auf das Risiko auswirkt. Ausgewertet wird nur die Einnahme von Cholesterinsenkern (Statinen).

Sie zeigen nicht, wie sich das Verhältnis der beiden Cholesterinsorten LDL und HDL auf das Risiko auswirkt.

Sie zeigen nicht, wie die Korrelation von Cholesterinspiegel und kardiovaskulärer Erkrankung aussieht, wenn kein weiterer Risikofaktor vorliegt.

Sie lassen keinen Schluss über den Zusammenhang von Cholesterinspiegel und kardiovaskuläres Risiko bei Menschen über 75 zu (und gerade bei Älteren werden sehr viele Statine verschrieben).

Und letztlich beantwortet die Studie wieder nicht die ganz allgemeine Frage, ob Männer unter 45 Jahren aus der „gesundesten“ Kategorie, also mit einem Nicht-HDL-Cholesterin unter 101 mg/dl und 0-1 weiteren Risikofaktoren, die nach der Tabelle ein Herzinfarkt-Risiko von über 10 Prozent haben, pauschal Statine einnehmen sollen, um das Risiko auf 5 Prozent zu senken.

Oder doch? Wer die Tabelle liest, müsste genau das empfehlen…

Vor allem zeigt die Studie erneut, dass Cholesterinsenker (Statine) das Herzinfarktrisiko für alle Menschen in allen Altersgruppen erheblich senken.

Diese Erkenntnis kommt nicht unerwartet, denn genau das war ja das Ergebnis der Großstudien wie der Framingham-Heart-Study, die seit den 1970er Jahren durchgeführt werden und deren Daten unter anderem dieser Studie zugrunde liegen.

Diese frühen Studien hatten damals die Statin-Gegner auf den Plan gerufen. Ihr Vorwurf: Die Daten seien von den Pharmafirmen manipuliert.

Dieser Vorwurf konnte nie ganz ausgeräumt werden, aber keine neuere Studie hat bislang eine andere Tendenz als eine positive Wirkung von Statinen ergeben.

Liest man die Tabelle und die Auswertung genau, implizieren Brunner und Waldleyer, dass alle Menschen, insbesondere Männer mit ihrem Mindestrisiko von 10 Prozent, am besten ihr ganzes Leben lang Statine nehmen sollten.