Forschungsstimmen aus der Corona-Zeit

Corona-Forschung

Bild von Miroslava Chrienova und Irina Ilina auf Pixabay, verändert

Corona und die Forschung – nachgefragt

In meinem letzten Beitrag habe ich mir Gedanken gemacht, ob und wie die Anti-Corona-Maßnahmen die Wissenschaft behindern.

Oder anders gefragt: Beeinträchtigen die Einschränkungen Erfolg und die Produktivität? Wenn ja, warum genau?

Ich denke, es gibt zwei Stellen im Forschungsprozess, an denen sich die Einschränkungen besonders bemerkbar machen:

  • bei der Arbeit im Labor, weil die Wissenschaftler wegen der Kontakteinschränkungen weniger ihre Kollegen spontan um Rat fragen können und
  • bei der Inspiration zu neuen Forschungsideen, denn durch das Reiseverbot finden keine Tagungen mehr statt, an denen sich Wissenschaftler aus aller Welt begegnen können. Dadurch lernen sich keine neuen Leute mehr kennen und es wird weniger diskutiert und ausgetauscht.

Vor Kurzem hatte ich Gelegenheit, meine Thesen zu überprüfen. Im Auftrag. Für das Mitteilungsblatt der Fachgruppe Analytische Chemie der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh). Diese veröffentlicht im Juni ein Sonderheft zur Situation der Analytischen Chemie in Corona-Zeiten.

Ich befragte vier Professoren und eine Professorin zur Lage ihrer Forschung.

Über das Ergebnis war ich überrascht.

Die Antworten der GesprächspartnerInnen aus Universität, Fachhochschule und privater Hochschule (Institut Fresenius) waren bemerkenswert unerschrocken. Zu den meisten Themen äußerten sich die Personen recht entspannt. Mit einer Ausnahme, aber dazu später.

Im Großen und Ganzen klang es so:

Maßnahmen? Kriegen wir hin, mit Schichtbetrieb. Abschlussarbeiten? Im März war eh Semesterabschluss, dann haben die halt zwei Wochen weniger gemessen und etwas früher zusammengeschrieben. Stimmung? Gut. Läuft doch alles.

Mit den Tagungen, das ist schon Mist.

Allgemeines Schlucken war dann erst beim Thema Reisen und Tagungen.

Durch das Reiseverbot konnten externe Gutachter nicht mehr vorbeikommen, und Doktorprüfungen wurden verschoben.

Manche ausgefallenen Tagungen hatten die Lehrstühle selbst organisiert. Deshalb lag neben dem Präsentieren von Ergebnissen darin wohl auch viel persönlicher Ehrgeiz. Selbst organisierte Tagungen rückabwickeln zu müssen ist Mist.

Ein Professor stand am Anfang eines EU-Forschungsprojekts und wollte dafür international Doktoranden einstellen. Wie das Projekt jetzt ohne Mitarbeiter nach Plan ablaufen soll, steht für ihn in den Sternen.

Virtuelle Tagungen lehnten meine Gesprächspartner rundum ab. Das persönliche Treffen sei ja gerade der Sinn der Tagungen, sagten alle fünf, die ich gefragt hatte. Den Wert des persönlichen Gesprächs betonten sie derart, dass ich meine These bestätigt sehe: Auf Tagungen und Besuchen holen sich Wissenschaftler Inspiration für neue Ideen. Diese Form der Ideenfindung lässt sich durch Digitalformate nicht ersetzen.

Und meine zweite These, der persönliche Austausch?

Zwei Gesprächspartner fanden es unter den gegebenen Maßnahmen schwierig, die MitarbeiterInnen persönlich zu betreuen.

Weniger aber wohl wegen der Kontakteinschränkungen an sich, sondern wegen der zeitfressenden Organisation der digitalen Lehre.

Die gleichen Personen fanden, dass die Kontaktbeschränkungen unter den Studierenden und MitarbeiterInnen deren Arbeiten langsamer und fehlerhafterer machen würden. Mangels Gesprächsmöglichkeit vor Ort könne man sich „nicht mal eben gegenseitig helfen“.

Damit bestätigten sie meine zweite These. Allerdings nur zwei der fünf Gesprächspartner. Die anderen drei sahen im mangelnden Kontakt untereinander kein grundsätzliches Problem für die Forschung.

Ich hatte den Eindruck, dass sie fanden, dass man sich mit Schichtbetrieb und digitalem Austausch in der Forschung ganz gut arrangieren kann.

Fehlende oder uninspirierte Arbeit sei nicht das Problem, einfach weil die Projekte langfristig auch die Versorgung mit Proben gewährleistet seien

“Wir haben buchstäblich viele Proben auf Eis liegen,” waren die Worte eines Professors.

Haltet durch!

Auf die Qualität der Forschung würden sich die Corona-Maßnahmen erst dann bemerkbar machen, wenn die Situation mehrere Monate anhält.

Diese Kernaussage aller fünf Gesprächspartner hat mich überrascht. Irgendwie hatte ich von bisherigen Berichten aus Zeitschriften und Internet mehr den Eindruck, dass sich die Wissenschaftler wegen der Schließung ganzer Labore verzweifelt oder schmollend zurückziehen würden und erst einmal sich mit dem Veröffentlichen von bisherigen Ergebnissen beschäftigen.

Das war aber nicht der Fall. Die Arbeit ginge weiter, nur eben verhaltener.

Ich glaube, dass die Analytische Chemie in Corona-Zeiten einen Vorteil gegenüber vielen anderen Forschungsgebieten hat. Sie ist stark gerätegebunden, die Geräte brauchen viel Platz im Labor und werden von nur einer Person bedient.

Solche Labore sind sowieso nie überfüllt. Alle weiteren Arbeiten brauchen nur einen Computer, und wo der steht, ist egal. In der Analytik lässt sich auch ohne persönlichen Kontakt weiter forschen.

Die Frauenfrage

Ein Problem gibt es aber doch. Und das haben die Frauen.

Wissenschaftlerinnen mit Familie sind nicht gleichberechtigt. Also, theoretisch schon, aber praktisch sieht es anders aus.

Frau Prof. Carolin Huhn von der Universität Tübingen klagte über die merkliche Doppelbelastung von Beruf und Kindern ohne Schule bzw. Kita. Das sei ein systemisches Problem in Deutschland (und Österreich). Junge Wissenschaftler, die zusätzlich Familienarbeit stemmen müssten, hätten es derzeit wegen dem zusätzlichen organisatorischen Aufwand für die Einführung der digitalen Lehre doppelt schwer.

Und die Forschung zeige leider, dass hauptsächlich Frauen im Moment die zusätzliche Familienarbeit leisten würden.

Hier treffen die Corona-Maßnahmen die Menschen besonders hart.