Corona und die Wissenschaft

Corona-Forschung

Bild von Miroslava Chrienova und Irina Ilina auf Pixabay, verändert

Was macht die Corona-Pandemie mit der Forschung?

Forschung und Wissenschaft leben vom Diskurs. Und zwar vor allem vom schriftlichen, wie die Berge an Zeitschriftenbeiträgen und Veröffentlichungen belegen. Nur ein kleiner Teil der Kommunikation findet persönlich statt, analog am gleichen Tisch, im gleichen Labor. Was passiert, wenn fortdauernde Ausgangssperre, Kontaktverbot und Homeoffice die direkte Kommunikation verhindern?

Eine naheliegende Antwort lautet der Umstieg auf digitale Kommunikation. Kann aber sämtliche Kommunikation einfach digital werden? An welcher Stelle im wissenschaftlichen Prozess ist persönliche Kommunikation besonders wichtig und wo wirkt sich vermehrte Digitalisierung weniger aus?

Die wissenschaftliche Vorgehensweise – erste Phase: Ideenfindung

Am Anfang eines wissenschaftlichen Prozesses (also einer Forschungsarbeit) steht die Beobachtung. Ein Wissenschaftler oder eine Wissenschaftlerin beobachtet etwas, das er oder sie seltsam findet, etwas „Interessantes“. Daraus formuliert er oder sie die Frage, wie das Interessante zustande kommen mag. Dafür allein braucht es nicht notwendigerweise mündliche Kommunikation; Bildung, Hintergrund und Neugier reichen aus.

Allerdings fördern Gespräche und persönliche Kontakte die Ideenfindung. Dass dem Wissenschaftler ein Apfel auf den Kopf fällt und daraus die Grundgesetze der Physik werden, ist ziemlich selten. Fragen kommen oft erst im Gespräch. Ein besonders fruchtbarer Ort für Gespräche sind Konferenzen. Dort gibt es viele Themen und noch mehr Sichtweisen, und am Kaffeetisch oder der Bar entwickeln sich Ideen. Oftmals kommen Professoren von Konferenzen und Symposien mit ganzen Bündeln neuer Projekte zurück, die dann auf dem Tisch der Doktoranden und Mitarbeiter landen.

So wie ein Professor dem Doktoranden ein Forschungsprojekt nahelegt, kann auch ein Unternehmen oder die Politik Wissenschaftlern Forschungsaufträge geben. Das sehen wir jetzt im Schnelldurchgang in der Coronaforschung. Bevor die Wissenschaftler loslegen können, müssen sie sich mit den Auftraggebern unterhalten. Hier ist sicher ein persönliches Gespräch am gemeinsamen Tisch gut, aber es geht auch aus der Ferne. Kaum ein Virologe, der jetzt mit Bundesmitteln Impfstoffe sucht, ist persönlich nach Berlin gereist.

Zweite Phase: Recherche

Das ist der klassische Gang in die Bibliothek. Wieviel Wissen gibt schon zum Thema? Das liest man am besten in schriftlichen Dokumenten nach, früher analog in der Bibliothek, heute hauptsächlich online.

Neben der völlig kontaktfreien Recherche kann man auch den Kontakt mit erfahrenen Personen suchen. Dafür bietet sich als Erstes die Umgebung im Labor oder im Arbeitskreis an.  Man spricht mit Kollegen, die an ähnlichen Sachen schon geforscht haben. Dieses mündliche Wissen im Arbeitskreis spiegelt oft die Literaturliste am Ende von Veröffentlichungen wider.

Etwas förmlicher als Kollegengespräche sind die meist wöchentlich einberufenen Labor- oder Gruppenbesprechungen. Hier kann man Fragen gezielt loswerden und sich Rat holen. Das ist aber auch telefonisch oder per Videobesprechung möglich. Sind Webex-Konferenzen so viel anders als analoge Meetings? Auf einer digitalen Plattform wie Zoom, Teams oder Webex kann man im Prinzip das Gleiche fragen oder über seine Arbeit der vergangenen Woche genauso erzählen wie im gemeinsamen Seminarraum.

Und schließlich stehen alle möglichen digitalen Plattformen bereit, um in Datenbanken zu suchen und daraus Informationen zu generieren. Die wissenschaftliche Kommunikation geschieht dann per Knopfdruck.

Dritte Phase: die eigentliche Forschungsarbeit

Wie sagte eine Strukturbiologin, auf die Teamarbeit beim Forschen angesprochen, einmal treffend: Man kann nicht gemeinsam eine Substanz kristallisieren. Für jedes Einzelergebnis einer Forschungsarbeit ist ein einzelner Wissenschaftler zuständig, oder er oder sie delegiert die Ausführung eines Versuchs an einen Mitarbeiter/eine Mitarbeiterin. Aber natürlich fügen sich die Einzelergebnisse zu einem Gesamtbild zusammen, an dem dann viele beteiligt sind. Manchmal sogar sehr viele, wie die Experimentalergebnisse der Teilchenphysik mit ihren Hunderten von Autoren belegen.

Aber die Urheber der Einzelergebnisse müssen sich verständigen. Wie läuft das ab? Innerhalb eines Arbeitskreises in der persönlichen Begegnung. Das geht schnell, man kann die Rohdaten ohne weitere Aufbereitung herumzeigen. Wer zusammen forscht, kennt sich meist sehr gut, und je besser man sich kennt, desto effektiver die Kommunikation. Wenn Arbeitskreise über riesige Entfernungen hinweg fruchtbar miteinander kommunizieren, dann geht das nur, wenn sich mindestens ein Teil davon persönlich kennt und Schwächen und Stärken des Gegenübers genau einschätzen kann.

Hat man sich aber einmal persönlich kennengelernt, dann reichen auch Telefonate und E-Mail aus. Früher der Brief. Der Brief war ein wesentlicher Teil des wissenschaftlichen Diskurses. Zum Beispiel Otto Hahns Korrespondenz mit Lise Meitner. Ende 1938 schickte er seiner nach Schweden emigrierten Kollegin seine Ergebnisse zur seltsamen Radium- „Zerplatzung“ als Brief, und sie berechnete als Erste die Kernspaltung und fand das theoretische Gerüst dafür. Zusammenarbeit aus erzwungener Ferne. Heute geht es schneller, sogar in Echtzeit, aber das Prinzip ist dasselbe.

Vierte Phase: Interpretation und Veröffentlichung

Hat man Ergebnisse, zieht man daraus Schlussfolgerungen, stellt sie in einen breiteren Rahmen und veröffentlicht sie. Dabei wird viel diskutiert. Am besten natürlich in direkter Runde, aber das muss nicht sein. Vieles geht schriftlich und einiges geht über Videotelefonie. Oft liegen die Ergebnisse für eine Veröffentlichung sogar schon länger zurück und der Hauptakteur bei der Forschung ist gar nicht mehr im Arbeitskreis anwesend. Die Koordination fürs Zusammenschreiben mit Beteiligten rund um den Globus erfolgt in der Regel ausschließlich schriftlich, per E-Mail.

Wie also wirkt sich Corona in der Forschung aus?

Abstand, Homeoffice und Reiseverbot beeinflussen vor allem die ersten drei Phasen des wissenschaftlichen Prozesses. Am meisten wahrscheinlich die Ideenfindung und die produktive Phase, weil es hier um Inspiration durchs Gespräch beziehungsweise die kurzfristige Hilfe von Laborkollegen geht.

Wie reagieren die Wissenschaftler? Interpretieren, Ergebnisse zusammenschreiben und versuchen, persönliche Kontakte digital zu pflegen. Verlage berichten über eine vermehrte Publikationsaktivität. Das Wissenschaftsmagazin Chemistry World erzählt von Forschern, die jetzt vermehrt ihre Ergebnisse zusammenschreiben und sich digital vernetzen.

Vermehrt werden Online-Konferenzen organisiert. Digitale Formate hätten auch noch andere, zuvor noch wenig beachtete Vorteile, wie es in einem Fokusartikel im Magazin Nature heißt: An Online-Konferenzen würden auch finanziell schwache Arbeitskreise oder schlicht körperlich beeinträchtigte Wissenschaftler teilnehmen können.

Allerdings fußen auch noch heute fruchtbare Zusammenarbeiten und die Weitergabe von Wissen unter Kollegen auf der persönlichen Bekanntschaft. Zu einer solchen kommt man digital nur schwer. Und bislang haben sich die weltweiten Wanderungsbewegungen von Wissenschaftlern für Wissensaustausch, Diskurs und Produktivität als unentbehrlich erwiesen.

Fazit: Der rein digital vernetzbare Wissenschaftler ist kein produktiver Wissenschaftler. Das Coronavirus wird Forschung und Wissenschaft – außer in der Virologie – mit Sicherheit ausbremsen.