words4science auf der Konferenz “Übersetzen und Dolmetschen 4.0”

BDÜ-Konferenz

Chemie und Sprachvermittlung – Konferenz schafft Annäherung

Ich war dabei. Ich gehörte zu den mehr als 1000 Teilnehmern der 3. Internationalen Fachkonferenz des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer e.V. (BDÜ) in Bonn, die vom 22. bis 24. November mit dem schönen Namen tagte: „Übersetzen und Dolmetschen 4.0: Neue Wege im Digitalen Zeitalter”.

Was kann man sich unter einer solchen Konferenz vorstellen?

Sehr viele Leute zusammen in einem Gebäude. Zirka 80 Prozent Frauen, alle in irgendeiner Art als Sprachmittler tätig. Versammlungsort war das ehrwürdige Plenargebäude des ehemaligen Deutschen Bundestags in Bonn. In den Kaffeepausen versammelte man sich im Foyer. Hier standen unzählige Grüppchen um die Stehtische, mit Tee oder Kaffee in der Hand, in angeregter Unterhaltung und gücklich über die reichlich ausgegebenen Gebäckstücken. Zur Mittagspause veränderte sich das Bild. Die Grüppchen wurden zu Schlangen an den Ausgabestellen fürs Mittagessen, und lange Tischreihen füllten sich. Wenn gerade keine Pause war, die durch eine Art Schulglocke eingeläutet wurde, fand man die Teilnehmer verteilt auf sieben größere und kleinere geschlossene Räumlichkeiten im Gebäude: den Plenarsaal, fünf mehr oder minder große Vortragssäle und schließlich einen langer Raum hoch über dem Rhein mit Glasfront und Tisch, in dem Workshops stattfanden.

Viel zu hören und zu sehen gab es in den drei Tagen: 60 Vorträge und Kurzseminare sowie 25 Workshops boten die Qual der Wahl.

Was gab es noch?

Um die 10 Aussteller an kleineren und größeren Ständen im lichtdurchfluteten Foyer. Eine Garderobe. Überall freundliche Geister und helfende Hände, die einen sofort von benutzten Gläsern, Tassen und Tellern befreiten. Die ganze Atmosphäre in diesem Gebäude bestach durch Freundlichkeit und Professionalität. Das wirkte sich auf die Teilnehmer aus. Überall traf man Kolleginnen und Kollegen, die freundlich und aufgeschlossen waren, meist gut gelaunt und am inhaltlichen Austausch auf hohem Niveau ehrlich interessiert.

Die Konferenz war das, als was sie beworben wurde: top.

Netzwerken und Lernen

Dabei gibt es Herausforderungen. Künstliche Intelligenz soll Übersetzer und auch Dolmetscher zunehmend durch Maschinen ersetzen, so zumindest berichten es die Medien. Ist es wirklich so? Was tatsächlich passiert, wohin der Trend geht, was KI eigentlich ist und inwiefern sie auch viele Chancen bietet, war das Schwerpunktthema der Konferenz. Ziel war es, den Teilnehmern ein umfassendes Informations- und Austauschforum zu bieten. In bestimmt zwei Drittel der Veranstaltungen ging es daher um den Wandel durch Digitalisierung, maschinelle Übersetzung und Spracherkennung.

Das ist natürlich außerordentlich interessant. Nun liegt meine staatliche Prüfung für Übersetzer und Dolmetscher noch gar nicht so lange zurück. Mein eigenes Ziel war daher etwas verlagert: Ich wollte auf dieser Konferenz schlichtweg so viel wie möglich über den Übersetzerberuf erfahren. Über die Abläufe, Kontakte, Netzwerke, Tools und Kunden. Über Freiberufler, Profilierung und Spezialisierung, den Markt im Allgemeinen und im Besonderen. Und über die Befindlichkeiten, Personen und Strukturen, die wichtig sind. Schließlich bin ich ein Quereinsteiger. Meine Denke ist noch nicht die eines routinierten Sprachmittlers.

Querbeet: Vom Allgemeinen zum Speziellen

Und so habe ich mein persönliches Konferenzprogramm auf „möglichst viel, möglichst divers“ ausgerichtet – mit einer Einschränkung: Die angebotenen Wellness-, Selbstfindungs- und Entspannungsprogramme ließ ich weg. Vielleicht kommt das ja nächstes Mal.

Und das war mein Programm:
1. Tag, Freitag. Einführungsveranstaltung im Plenarsaal („Keynote“, im Hintergrund der riesige Bundesadler). Dann ein Vortrag über Spezialisierung als Übersetzer. Mittagessen am Büffet. Ein Seminar über die technische Dokumentation. Kaffeepause. Kurzseminar über die internationale Norm zum Posteditieren. Und zum Ausklang: Weihnachtsmarkt in der Bonner Innenstadt.
2. Tag, Samstag: Keynote über den internationalen Sprachmittlermarkt, rein wirtschaftlich betrachtet. Dann eine Podiumsdiskussion, ebenfalls im Plenarsaal, über die Idee im BDÜ-Vorstand, innerhalb des BDÜs oder in seinem Auftrag eine Art Genossenschaft zu bilden. Dann habe ich mich eingeschlichen in einen Workshop, dessen Plätze offiziell schon belegt waren: es ging über das Prüfen von Websites im Hinblick auf Auffindbarkeit und Ranking. Mittagessen. Und dann habe ich den ganzen Nachmittag in einem Workshop über die Internationale Norm zum Übersetzungsprozess verbracht. Am frühen Abend fand dann eine Veranstaltung im Plenarsaal mit Preisverleihung statt, danach war Stehempfang und Sekt. Abendessen mit Kolleginnen im fußläufig entfernten „Vapiano“.
3. Tag, Sonntag. Die letzten beiden Tage waren intensiv und das Programm früh um neun Uhr weniger spektakulär. Wie viele andere auch, trudelte ich daher erst um 10 Uhr ein, überhaupt schien die Teilnehmerzahl schon etwas abgeflaut. Nach der Kaffeepause war ich dann noch in einem Kurzseminar über Open-Source-Programme und Freeware als technische Hilfen. Mittagessen und ein letztes Kurzseminar, in dem es um Agenturen ging und die Arbeit mit diesen. Gemeinsam mit vielen Kolleginnen und Kollegen ging es dann endgültig zur U-Bahn Richtung Hauptbahnhof.
Mein Programm empfand ich als Querbeet, aber es hatte schon eine technische Gewichtung. Die meisten Konferenzteilnehmer schienen was ganz anderes gesehen zu haben, wie in Gesprächen während der Konferenz und aus der Twitter-Nachlese auf #bdükonf19 deutlich wurde: Denn sie erzählten und berichteten vor allem abgesehen von den Keynotes, bei denen ich auch war  vom Seminar zum SEO-optimierten Übersetzen (SEO=Search Engine Optimization), von den DeepL-Fallstricken und vom richtigen Atmen beim Sprechen. Vielleicht sind die „Techniker“, also die Leute für technisches Übersetzen, mit denen ich mich oft in einem Raum fand, auch einfach nicht so Twitter-aktiv, als dass sie die Inhalte der Seminare zur Technischen Dokumentation, dem Localization Engineering oder den Normen enthusiastisch verbreiten wollten. Welche Nische! Ich glaube, das wäre ein Grund, einen Twitter-Account zu starten.
Mein Fazit: Viel gelernt und Leute (besser) kennengelernt

Was hängenblieb

Inhaltlich habe ich Folgendes mitgenommen (in der Reihenfolge der besuchten Veranstaltungen, siehe oben):

  1. Spezialisierung im Beruf: Lege alles in deine Spezialisierung. Und behandle deinen Beruf wie ein weiteres Kind: nicht vernachlässigen, sondern fördern und fordern.
  2. Technische Dokumentation geht über CMS-Systeme (CMS=Content Management System). Innerhalb dieser Systeme werden Module erstellt und verwaltet. Jede Firma, die Produkte global verkauft, schlägt sich damit herum.
  3. Es gibt eine Norm zum Posteditieren maschineller Übersetzungen. Diese Norm ist im Grunde auch schon veraltet, weil sie noch davon ausgeht, das ganze, vollständig maschinell übersetzte Texte vorliegen. Was inzwischen üblich ist, die Einarbeitung maschineller Übersetzung ins CAT-Tool (CAT=Computer-Assisted Translation, die „herkömmliche“ Übersetzersoftware), erfasst sie gar nicht. Diese ganze Norm klingt irgendwie schräg. Andererseits scheinen gar nicht so viele Leute sie zu kennen und wissen, was sie eigentlich soll und wie sie funktioniert.
  4. Weltweit gibt es einen erheblichen Sprachdienstmarkt, es gibt einige Superagenturen, aber auch viele kleine Agenturen und sowieso Freiberufler. Der globale Markt wird nicht kleiner, eher größer, und digitaler.
  5. Im BDÜ macht man sich ernsthaft Gedanken, den Mitgliedern durch neue Strukturen zu helfen oder vielmehr: die Existenz des Verbands durch etwas Besonderes, Wichtiges zu begründen und Mehrwert zu schaffen. Es wurde offen diskutiert und ich bin gespannt, was dabei rauskommt. Norma Keßler, die BDÜ-Vorsitzende habe ich später zufällig gesprochen, und sie sprach da von einer neuen Idee: eine BDÜ-interne KI, die auf die Bedürfnisse der Mitglieder zugeschnitten ist. Das wäre ein echter Mehrwert! Gespannt kann man sein.
  6. Optimierung von Webseiten: Es gibt Tools, mit denen man seine Seite auf Auffindbarkeit und Konsistenz hin prüfen kann. Zu Aufbau, Textgestaltung und Verlinkung war nichts wesentlich Neues, ich darf aber das Beitragschreiben nicht vernachlässigen, damit sie als überarbeitet gilt und von den Suchmaschinen indexiert wird.
  7. Normen, Normen, Normen. Der Workshop zur Übersetzer-ISO (International Organization for Standardization) namens ISO 17100 entpuppte sich als ernsthaftes Diskussionsforum, wie diese Norm zu aktualisieren, ergänzen, verbessern sei. Satz für Satz sind wir sie durchgegangen. In diesem Workshop ist mir einiges zu Arbeitsabläufen und deren Strukturierung und Sinn klar geworden. Und das Beste: Wenn die Norm tatsächlich einmal aktualisiert wird, dann habe ich hier auch einen ganz kleinen Beitrag dazu geleistet. Wow.
  8.  Zwei Preise, zwei Preisträger. Den Träger des Dr.-Stanislaw-Gierlitzki-Preises für besonderes ehrenamtliches Engagement durfte ich später sogar persönlich kennenlernen. Ein sehr netter Mensch aus München, ein ehemaliger Banker.
  9. Localization Engineering: Endlich ist mir klar, was „Localization“ alles bedeutet. Es ist die Anpassung an örtliche Gegebenheiten hauptsächlich im Zusammenhang mit Programmierung und Computersprache. Viel „verstanden“ habe ich in dem Seminar allerdings nicht, einfach, weil fast alle Begriffe neu waren. Gemerkt habe ich mir aber, dass die „Regular Expressions“ in der Computersprache, die RegeX, mit etwas Geschick im CAT-Tool und anderswo sinnvoll angewandt werden können. Darüber möchte ich mehr erfahren und werde bei unserem Landesverband Rheinland-Pfalz ein RegeX-Seminar anregen.
  10. Das letzte Seminar der Konferenz ging über Agenturen und war leider zum ersten Mal eher Banane. Das merkten auch viele andere Teilnehmer und verließen den Saal zahlreich und vorzeitig, ich dann kurz vor Schluss auch. Es gab nicht viel Neues über die Arbeit mit Agenturen zu hören. Einzig vielleicht das: Ist man einmal Stammübersetzer bei einer Agentur, hat man viele Vorteile wie einen stringenten Arbeitsablauf und die Mitarbeit an großen und deshalb interessanten Projekten, dazu die Zeitersparnis, weswegen der Stundenpreis effektiv höher wird.

Auch persönlich…

Netzwerken ist der andere Hauptzweck einer Konferenz. Fünf Netzwerk-Highlights habe ich gefunden.

  1.  In den Pausen und an den Abenden war viel Gelegenheit, sich sowohl locker, teils aber auch sehr tiefgehend und intensiv über den Beruf und den persönlichen Stand darin zu unterhalten. Mit fast allen Leuten, ob Freiberufler oder Büro-Inhaber konnte man gleichermaßen reden und diskutieren. Das war sehr anregend und motivierend. Ich kenne nun das Sprachdienstleister-Denken und die Akteure viel besser.
  2. Ich durfte Wolf Baur persönlich kennenlernen. Im Bereich technische Übersetzungen für die Industrie, genauer gesagt für Anlagenbau, ist er eine echte Größe. Zudem ist er BDÜ-Vorstand und im Normenausschuss von Deutschland. Überall stand, er habe Chemie studiert. Naja, das Vordiplom hat er gemacht. Und noch vieles mehr.
  3. Ich habe Jerzy Czopik persönlich kennengelernt. Er ist ausgewiesener Fachexperte für SDL-Trados, das CAT-Tool, das ich auch verwende. Normalerweise steht er bei allen Trados-relevanten Anfragen auf der BDÜ-internen Austauschplattform mit Rat und Tat zur Verfügung. Hier habe ich ihn als höchst engagierten technischen Übersetzer erleben dürfen und mit ihm über die Übersetzer-Norm diskutiert.
  4. Dr. Thea Döhler gibt Seminare zur Akquise, zu Gehaltsverhandlungen und allen unternehmerisch wichtigen Themen. Wir haben uns über Erfolge und Strategien ausgetauscht.
  5. Ein paar weitere technische Übersetzerinnen habe ich kennengelernt, aber niemanden explizit aus der Chemie. Und auch niemanden, der von Verlagen kommt. Mir wurde geraten, auf der BDÜ-Plattform einen Post zu starten, um Chemikerinnen und Chemiker kennenzulernen. Das werde ich demnächst tun.

Schlusswort

In der Konferenz ging es um Mensch und Maschine. Ich habe vieles gelernt und mitnehmen dürfen. Das Übergeordnete aber war dieses: Egal wie digital Übersetzerberuf oder ganz allgemein die Arbeit mit Texten wird, der Mensch steht und bleibt als Handelnder im Mittelpunkt. Er bewegt, versteht und nutzt die Maschine. Das gilt auch für den Übersetzer.